Der strange Abend
Also da spielte ja gestern eine meiner Lieblingsbands in Duisburg im Steinbruch. Und davon handelt der folgende Text:
Der Duisburger Hauptbahnhof macht dem Düsseldorfer in Sachen Schäbigkeit Konkurrenz. Außerdem muss man gefühlte 20 Minuten laufen, um zum Bussteig zu gelangen. Dort angekommen erwarten einen dann dafür alle paar Sekunden ein paar Busse, die einen mitnehmen wollen. Irgendwie konnte ich mich an dem merkwürdigen, automatisierten Fahrkarten-Kontroll-System vorbeischmuggeln und dann konnte es auch schon losgehen: Einmal bis Sportpark bitte, danach dem Anfahrtsplan der Homepage entsprechend zu Fuß weiter. Große Verwirrung: Erst lief ich aus Duisburg raus, anschließend dann wieder rein - so abgelegen liegt das Steinbruch. Aber immerhin habe ich es auf Anhieb gefunden!
Dort angekommen erstmal die nächste Überraschung: Hier soll heute ein Konzert stattfinden? Die Location war im Grunde eine schnieke, große Lokalität zum abendlichen Weggehen - schöne Glaswand inklusive. Und genau das war hier auch zum Zeitpunkt meiner Anreise los: Menschen saßen rum, chillten und tranken Bier. Irgendwo in einer Ecke konnte ich dann aber den Sänger der Band hinter seinem MacBook verkrochen erkennen - aha, so falsch kann ich hier ja dann wohl nicht sein. Schnell einen der Kellner angesprochen: Ehm, Konzert heute? Wo? Ah, da hinten, ok, danke!
Ich stand dann in einem Raum der kleiner als das Sojus war (das Café!). Mit mir waren ganze drei Leute anwesend. Auf der Bühne stimmten zwei Mädels ihre Gitarren. Es war 15 Minuten vor offiziellem Beginn.
Ca. 30 Minuten später war es dann glücklicherweise etwas voller. Geschätzte 15 Leute verfolgten nun das Spektakel der “Vorband”: Desiree Klaeukens & Naema Faika (ja, genau: Die zwei Mädels von eben) spielten zauberhafte Lieder nur begleitet von ihren Akustik-Klampfen - echt empfehlenswert (vor allem der Song “Swan” war hammer)! Letztere hatte merkwürdigerweise ein Bandana über den Mund gezogen. Sang sie etwa Playback? Nein, viel abgefahrener: Sie hat im November in Berlin bei einem Fight Club Event von einer Französin den Unterkiefer gebrochen bekommen. Seitdem versucht der freundliche, russische Zahnarzt Boris ihr Gebiss wiederherzustellen.
Gegen 21:30 kamen dann endlich Slow Club auf die Bühne. Bzw. zunächst standen sie nur vor der Bühne im Publikum. Mittlerweile waren so ca. 40 Leute anwesend, der Raum also etwas besser gefüllt. Aber natürlich standen alle mit 5 Meter Sicherheitsabstand von der Bühne entfernt. Dort stellten sich dann die zwei Briten auf und performten ihr erstes Stück ohne elektronische Unterstützung. Anschließend ging es dann wieder auf die Bühne und es gab ca. eine Stunde lang hervorragende Musik. Leider war das Duisburger Publikum alles andere als enthusiastisch. “Hey, how are you?!?!” Stille. “What’s up in Duisburg!?!?” Stille. Schade, aber da machste nix.
Gegen Ende kam dann nochmal ein wenig Lagerfeuerromantik auf, als die zwei sich vorne auf die Bühne setzten und ihr letzten zwei Songs wieder ohne Mikro & Co spielten. Man muss sagen: Die haben’s echt drauf. Saugute Musiker. Und sie hatten sogar Groupies dabei: Zwei Engländerinnen aus London saßen neben mir und beschwerten sich über die Bierpreise. Two beer for 5,20? Disgusting! It’s cheaper in London! Nagut, wenn das mal stimmt…
Der Rückweg war dann auch erste Sahne: Ich beschloss, mich auf dem Weg zum Wedauer Bahnhof zu machen, da mir dies als schnellste Alternative in den Sinn kam (Busse fuhren keine mehr). Der Wedauer Bahnhof ist vermutlich der schäbigste Bahnhof, den ich jemals in meinem Leben betreten habe. Der frühere Eingang war verbarrikadiert und ich musste über so eine Art Hinterhof zu den Gleisen gehen. Außerdem gab es nur einen Bahnsteig. Und der war auch nicht in der Mitte der zwei Gleise, sondern halt nur einem Gleis zugewandt. Auf der anderen Seite war wohl mal ein Bahnsteig, aber der wurde scheinbar abgerissen. Fahren die Bahnen hier echt nur eingleisig hin und wieder zurück? Strange… Davon abgesehen war hier alles nur halbherzig hingefurzt. Irgendwelche Steinplatten für den Boden lagen herum, überall Kies und nur eine gammelige Glaskabine mit Informationen zu Fahrplan usw. Ich ärgerte mich enorm, dass ich keine Kamera dabei hatte. Die Atmosphäre war sowas von merkwürdig.
Zeitlich hatte es ganz gut gepasst, “der Wedauer” kam ein paar Minuten nach meiner Ankunft (ich war natürlich völlig allein am Bahnhof). Also öffnete ich die Tür und was war los? Nichts! Kein Mensch in dieser Bahn! What’s up in Duisburg? Nothing. Das Schweigen des Publikums ergab plötzlich einen Sinn. Am ebenfalls nahezu leergefegten HBF bekam ich dann auch gleich meine Bahn zurück nach D’dorf. Dort gab es dann wieder ein paar Menschen - sie waren also doch nicht ausgestorben. Welch ein Glück. Duisburg ist echt komisch. Aber Konzert war super!